Historisch: Erste Christin und Frau im Kabinett
Mit dem Paukenschlag von Samstagabend, Hind Kabawat als christliche Frau in die Regierung Syriens zu ernennen, geht ein weiteres Kapitel der Hoffnung auf. Inwiefern sich die Zuversicht bestätigt, werden die folgenden Monate zeigen. Die Vorzeichen waren schon lange nicht mehr so positiv – und doch ambivalent.
Nebst den erwähnten Religionen machen in Syrien die Alawiten etwa 12 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, Schiiten sind mit 2 Prozent eine wenig einflussreiche Minderheit. Die Christen verschiedener Konfessionen wurden 1920 noch auf 30 Prozent beziffert.
Rucksack mit vielen Kompetenzen
Hind Aboud Kabawat mit Jahrgang 1974 ist Christin und hat eine syrisch-kanadische Herkunft. Sie war stellvertretende Leiterin des Genfer Büros der Syrischen Verhandlungskommission, das von Botschafter Abdullatif Dabbagh geleitet wird. In ihrer Position nahm sie an allen acht Runden der Genfer Friedensgespräche über Syrien 2017 teil.
Durch ihre Ernennung als Ministerin für Soziales und Arbeit ist sie die einzige Frau und Angehörige einer der christlichen Bevölkerungsgruppen des Landes. Westliche Beobachter sehen darin ein Zeichen für mehr Inklusion von Frauen und Minoritäten.
Die Akademikerin war früher unter anderem Direktorin für interreligiöse Friedensförderung am Zentrum für Weltreligionen. Das Büro der Verhandlungs-Kommission war ein Gremium der syrischen Opposition gegen Baschar al-Assad. Als Aktivistin war Kabawat seit Jahren als Gegnerin des ehemaligen Präsidenten tätig.
Neue Zeitrechnung, alte Gewalt
Nun hat Regierungschef Ahmed al-Scharaa ein neues Kabinett gebildet. Unter den 22 Ministern sind diverse ehemalige Rebellen. Beobachter werten die Ernennung der Christin Kabawat als Signal an den Westen, dass Damaskus gewillt ist, westliche Normen wie Gleichberechtigung einzuhalten. Nicht zuletzt steckt dahinter, den langjährigen internationalen Sanktionen zu entkommen.
Jedoch hatten erst im März gewalttätige Attacken der islamistischen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) gegen Minderheiten, hauptsächlich Alawiten, mit mehr als tausend Toten die Welt bestürzt. Ein solcher Rachezug ist keine Ausnahme.
Auch Kirchenführer standen bei früheren Gewaltausübungen auf beiden Seiten, meinte Hind Kabawa laut Deutsche Welle: «Es gab auch unter den Priestern oppositionelle Aktivisten, die sich sehr eingesetzt haben», so die Politikerin. «Aber es gab auch die anderen. Es gab Priester, die über christliche Aktivisten an den Geheimdienst berichtet haben und für viele Tote verantwortlich sind.»
Absicht: Verantwortung und Transparenz
Die HTS-Miliz hatte Assad am 8. Dezember ins russische Exil vertrieben und die Macht in Damaskus übernommen. Mehrere HTS-Führer behielten ihre Position in der syrischen Führungsspitze, wie Asaad al-Scheibani, er ist weiterhin Aussenminister.
Neu ist Raed al-Saleh, Chef der Rettungsorganisation «Weisshelme», der Minister für Notfall- und Katastrophenmanagement wurde. Verkehrsminister Jarub Badr ist Alawit und gehört somit derselben religiösen Gruppe an wie Assad und ein Grossteil der einstigen Führungselite. Der Druse Amgad Badr leitet das Landwirtschaftsressort.
Übergangspräsident al-Scharaa wird das Kabinett mutmasslich selbst leiten. Die Bildung der neuen syrischen Regierung sei die «Erklärung unseres gemeinsamen Willens, einen neuen Staat aufzubauen», betonte er am Samstag. Man wolle den Staat auf der Grundlage von «Verantwortung und Transparenz» neu errichten.
Erzbischof von Homs relativiert und ordnet ein
Ein neuer Verfassung-Vorschlag wurde von den früheren HTS-Rebellen vorgestellt, der beispielsweise sagt, dass «der Staatschef immer ein Muslim sein muss». Er ist sehr umstritten, wie auch Jacques Mourad, der Erzbischof von Homs zu bedenken gibt: «Ich denke, dass die Mehrheit des syrischen Volkes diese neue Verfassung nicht gutheisst! Sie entspricht nicht den Erwartungen des Volkes. Nach all den Jahren des Leidens und des Krieges – von welchen Freiheiten oder welcher Demokratie ist da die Rede? Das Land war fast fünfzig Jahre sozusagen unter Verschluss, das wünscht sich jetzt etwas anderes. Weder Muslime noch Christen, noch Alawiten, noch Ismaeliten, noch Kurden, noch Drusen – niemand ist mit dieser Verfassung einverstanden.»
Kommentar: «Hoffen und beten»
Was die Christin Hind Kabawat im Umbruch von Syrien bewirken kann, wird sich zeigen. Es darf gehofft werden, dass sich die Zeichen des Positiven bestätigen und darf gebetet werden, dass tiefgreifende Verbesserungen auf allen Gebieten des zerrissenen Landes geschehen.
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Datum: 04.04.2025
Autor:
Roland Streit
Quelle:
Livenet / Vatican News